gutes design — 16 thesen von rams & borries
es gibt zwei designer, die man nicht ignorieren kann, wenn man über "gutes design" spricht. dieter rams, der chefdesigner von braun, hat eine haltung in 10 sätzen gefasst. friedrich von borries, professor in hamburg, hat 6 gegenargumente. zusammen erzählen sie eine andere geschichte — nicht über das produkt allein, sondern über die welt, die das produkt schafft.
rams schrieb vom design des gegenstands. von borries schrieb vom design des kontexts. eine ist nicht falsch ohne die andere. beide sind unvollständig, wenn man nur eine liest. aber zusammen ergeben sie ein bild, das ono versucht zu erfüllen.
dieter rams — die 10 prinzipien
rams arbeitete 40 jahre bei braun. am ende seiner zeit schrieb er die 10 prinzipien auf. sie sind kein regelwerk. sie sind eine haltung. sie beschreiben, wie ein produkt in sich selbst konsistent sein muss.
01. gutes design ist innovativ — nicht kopie, sondern eigene logik
02. gutes design macht ein produkt brauchbar — form folgt funktion
03. gutes design ist ästhetisch — schönheit durch ehrlichkeit
04. gutes design macht ein produkt verständlich — die logik ist sichtbar
05. gutes design ist unaufdringlich — es dient, es stellt sich nicht in den vordergrund
06. gutes design ist ehrlich — keine versteckten mängel, keine täuschung
07. gutes design ist langlebig — zeitlos, nicht modisch
08. gutes design ist konsequent bis ins letzte detail — keine kompromisse
09. gutes design ist umweltfreundlich — verantwortung vor materie
10. gutes design ist so wenig design wie möglich — reduktion bis zur essenz
diese zehn sätze sprechen vom produkt selbst. von seiner form, seiner qualität, seiner dauer. sie fragen: ist das objekt in sich selbst gut? sie fragen nicht: was macht dieses objekt mit mir? was macht es mit der gesellschaft? das ist nicht ein fehler von rams — das war einfach nicht seine frage.
friedrich von borries — design ist politisch
friedrich von borries ist niemals designer von produkten gewesen. er ist designer von theorien, von gedanken, von systemen. sein buch "weltentwerfen" von 2016 stellt eine andere frage: was macht design mit mir? was macht es mit der welt?
01. design ist nie neutral — jede entscheidung hat konsequenzen
02. jedes produkt trägt eine politische botschaft — durch seine materialität, seine haltbarkeit, seinen kreislauf
03. design kann emanzipieren oder unterdrücken — es normalisiert arten zu leben
04. nachhaltigkeit ist keine feature sondern eine haltung — es geht nicht um label, sondern um konstruktion
05. gutes design stellt machtverhältnisse in frage — wer profitiert? wer verschwindet?
06. design muss die bedingungen seiner produktion reflektieren — wer macht? unter welchen bedingungen?
von borries schreibt nicht vom produkt. er schreibt vom leben, das das produkt ermöglicht oder verunmöglicht. ein möbel, das auf wegwerfen ausgelegt ist, normalisiert wegwerfkultur. ein möbel, das reparierbar ist, normalisiert reparatur. das möbel wird zum statement — nicht durch marketing, sondern durch konstruktion.
wo sie sich ergänzen
rams sagt: das profil muss präzise sein. von borries sagt: das profil muss reparierbar sein. beide sind wahr. ein präzises profil ist präzise verarbeitet und deshalb langlebig. ein langlebiges profil kann repariert werden und braucht nicht ersetzt zu werden. das eine ist rams, das andere von borries — beide sind dasselbe objekt, nur aus verschiedenen blickwinkeln erzählt.
rams sagt: gutes design ist ehrlich. von borries würde sagen: ehrliches design ist politisch. wenn ich ein möbel so baue, dass es 30 jahre hält und dann recyclebar ist, ist das ehrlich (rams) und politisch (von borries). ich bekenne mich zu den konsequenzen meiner gestaltung.
rams sagt: gutes design ist so wenig design wie möglich. von borries würde sagen: gutes design ist so viel haltung wie nötig. das 20 × 20 mm profil ist wenig design und viel haltung. es sagt: keine versteckte konstruktion, keine schwarze magie, keine proprietary-teile. das ist minimalismus und transparenz zugleich.
wo sie sich widersprechen
rams schrieb seine 10 prinzipien 1976. sie beschreiben das optimale produkt. aber rams hat nicht gefragt, ob design selbst ein problem sein könnte. ob ein produkt, das vollkommen ist, trotzdem nicht gemacht werden sollte. ob das beste design manchmal gar kein design ist — sondern wiederverwendung des alten.
von borries würde sagen: bevor du ein neues produkt entwirfst, frag dich: brauchst du es wirklich? kann ich etwas bestehendes ändern? kann ich mein verhalten ändern? die erste frage ist nicht "wie designt man gut", sondern "sollte ich überhaupt designen?"
das ist kein widerspruch. das ist eine zeitliche verschiebung. rams sprach vom 20. jahrhundert, von der zeit, als design noch ein mittel des fortschritts war. von borries spricht vom 21. jahrhundert, von der zeit, in der jedes neue design ein problem schafft, das es löst.
was das für ono bedeutet
ono versucht, beide zu erfüllen. das 20×20 mm profil ist ein rams-objekt: präzise, ehrlich, langlebig, so wenig design wie möglich. aber die art, wie wir das profil denken, ist von-borries: reparierbar, erweiterbar, für wiederverwendung gebaut, politisch transparent.
ein ono tisch kann jedes einzelne teil ersetzt werden. das ist von borries' gedanke: design muss die bedingungen seiner zerstörung einkalkulieren. der verbinder, der in 10 jahren ausfällt, darf nicht das ganze system zerstören. das ist verantwortungsvolles design.
ein ono profil ist aus aluminium, das unendlich recyclebar ist. das ist rams' gedanke: gutes design ist umweltfreundlich. aber für von borries ist recycling nicht genug — es muss auch langlebig und reparierbar sein, damit recycling nicht notwendig wird. erst recycling, wenn reparatur unmöglich ist.
ono ist modular. das ist systemdenken, das schon dieter rams bei vitsoe und USM haller gesehen hat. aber modularität bei ono ist auch politisch: sie emanzipiert den nutzer. du kannst dein möbel nicht nur konfigurieren, sondern auch rekkonstruieren, auf deine bedürfnisse hin. das macht dich zum co-designer deines raums.
gutes design ist nie neutral
das ist vielleicht die wichtigste lehre aus beiden. rams hat versucht, das "beste" design zu machen — objektiv, universal, zeitlos. von borries sagt: das gibt es nicht. es gibt nur design, das wissen, was es tut, und design, das so tut, als täte es nichts.
ein möbel aus hartschaum und folie sagt: ich bin wegwerfbar. ein möbel aus aluminium und normteilen sagt: ich bin wiederverwendbar. das erste ist nicht schlechter — es ist nur ehrlich über das, was es ist. das zweite ist ehrlich über etwas anderes. beide sind politisch.
ono hat sich selbst für eine position entschieden. nicht für das beste produkt im sinne von rams — sondern für das beste produkt im sinne von von borries. ein produkt, das die bedingungen seiner existenz befragt. ein produkt, das nicht versucht zu verbergen, was es ist und was es tut.
16 thesen. zwei designer. eine question: wessen design willst du in deinem raum?
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